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Welchen Stellenwert hat das Fach Informatik im digitalen Zeitalter?

Prof. Dr. Rudolf Kammerl über die Neustrukturierung des Unterrichtsfachs Informatik an Hamburger Stadtteilschulen

Bislang bildete das Fach Informatik in Hamburger Stadtteilschulen ein Teilfach von Naturwissenschaft und Technik und war damit ein Pflichtfach für alle Schülerinnen und Schüler. Ende Mai 2013 wurde nun ein Antrag von Schulsenator Thies Rabe gegen den Willen von Schüler- und Lehrerkammer bewilligt, Informatik nur noch als Wahlpflichtfach anzubieten. Somit fällt die informatorische Bildung in den Bereich der Medienerziehung, welche als Querschnittaufgabe bereits an den Schulen gelehrt wird. Mit dieser Änderung soll die fachliche Bildung an den Stadtteilschulen in der Mittelstufe gestärkt und mehr Transparenz in der Notenvergabe geschaffen werden.

Rudolf Kammerl ist als Professor für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Medienpädagogik an der Universität Hamburg tätig. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Bildungs-, Lehr-/Lern- und Sozialisationsforschung im Kontext moderner Informations- und Kommunikationstechnologie. Das Mediennetz Hamburg hat ihn um eine Stellungnahme zur Neustrukturierung des Fachs Informatik hinsichtlich der Notwendigkeit von Medienkompetenzförderung gebeten.

Mediennetz Hamburg: Sie haben in Ihrer Stellungnahme in Reaktion auf die Pressemitteilung der Schulbehörde bezüglich der Neustrukturierung des Fachs Informatik eindeutige Kritik geäußert. Wo liegen Ihrer Ansicht nach Kritikpunkte in dem Vorhaben der Schulbehörde vor allem in Hinblick auf die Verortung von Medienerziehung und -bildung im Unterricht? Welche Fragen sind für Sie dabei offen geblieben?

Kammerl: Insbesondere durch die Schlagzeile der PM ("Medienerziehung in Hamburg von der Grundschule bis in die Oberstufe verankert - Informatik wird als Bestandteil der Medienerziehung weiterentwickelt und ausgebaut") entsteht der Eindruck, dass die Informatik als Bestandteil der Medienerziehung ausgebaut werden könne. Dem stehen sowohl inhaltliche wie curriculare Gründe entgehen. Zwischen der Informatik und der Medienerziehung gibt es Schnittmengen. Ein großer Teil dessen, was Informatik darstellt, lässt sich aber nicht sinnvoll in die Medienerziehung integrieren. Medienerziehung soll in Hamburger Schulen fächerintegrativ stattfinden. Im Vergleich zu Fächern und Lernbereichen, die in der Stundentafel fest verankert sind, werden Querschnittsaufgaben im Vergleich dazu im Unterrichtsalltag randständiger behandelt. Wie sich hier Möglichkeiten für den Ausbau finden sollen, erschließt sich nicht. Im Gegenteil: Es muss wohl von einem Abbau die Rede sein.

Mediennetz Hamburg: Sie haben unter anderem konstatiert, dass einer systematische Qualitätssicherung und Evaluation von Medienerziehung in der Schule seitens der Schulbehörde weder nachgegangen, noch dass diese auf den Weg gebracht werde. Was ist Ihr Beitrag für die Weiterentwicklung von gelingender Medienerziehung in der Schule, womit beschäftigen Sie sich diesbezüglich?

Kammerl: Seit mehreren Jahren führen wir immer wieder begleitende Evaluationsstudien durch, mit denen wir die Schulentwicklung unterstützen wollen. Aus wissenschaftlicher Sicht interessiert uns dabei die Frage, wie sich Medienkompetenz entwickelt und wie dies unterstützt werden kann. Darüber hinaus stellt in unserem Arbeitsbereich die Prüfung der Qualität medienpädagogischer Unterrichtsmaterialien ein Handlungsfeld dar.

Mediennetz Hamburg: Wie sollte Ihrer Ansicht nach eine gelingende Medienerziehung in der Schule aussehen bzw. im Rahmenplan für den Unterricht verankert sein?

Kammerl: Zu den Zielsetzungen und Inhalten liegen mit dem KMK-Beschluss zur Medienbildung in der Schule, dem Hamburger Rahmenkonzept zur Medienkompetenzförderung und den Beschreibungen von Kompetenzniveaus in den Hamburger Rahmenplänen schon mal gute Vorschläge vor. Jetzt kommt es auf die flächendeckende Umsetzung an. Nur wenn eine breitenwirksamen Etablierung als curricular verankertes Bildungsfeld an Schulen gelingt, kann digitale Spaltung verringert werden.

Dokument
Pressemitteilung Schulbehörde

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