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Medienkompetenz verzichtbar?

Medienkompetenzförderung in Zeiten digitaler Herausforderungen - wichtiger als zuvor. Dennoch plant die Stadt die Verpflichtung zur Medienkompetenzförderung aus dem Medienstaatsvertrag zu streichen.

Seit 2008 unterstützt das MedienNetz Hamburg e.V. die Bemühungen um Medienbildung für Bür­ger*innen in Hamburg und hat mit großer Sorge und Unverständnis die vorgesehenen Än­derungen im Entwurf zum 6. Medienänderungsstaatsvertrag Hamburg/Schleswig-Holstein zur Kenntnis genom­men und im Rahmen einer Mitgliederversammlung diskutiert.

Nachdem mit dem Rahmenkonzept Medienkompetenzförderung ein Meilenstein für die Me­dien­bil­dung erarbeitet wurde und es im nächsten Schritt um Finanzierung und Verankerung gehen soll, ist nun genau das Gegenteil vorgesehen: Da der Medienanstalt Hamburg/Schleswig- Holstein (MAHSH) weniger Mittel zur Verfügung stehen, wird definiert, dass Medienkompetenzförderung  von einer „Muss-“ zu einer „Kann-Aufgabe“ wird. Diese Entscheidung verringert erheblich die Chancen auf Umsetzung der bisherigen Beschlüsse und Konzepte.

Gerade im Zusammenhang mit den Bemühungen um eine „digitale Stadt“ brauchen die Ham­bur­ger*innen, vor allem die Jungen und Alten, Unterstützung beim sicheren und selbstständigen Umgang mit Medien. Es bedarf einer Förderung, die die vielfältigen Fähigkeiten wie Kreativität, Selbstbestimmtheit oder Informationskompetenz maßgeblich unterstützt.

Hamburg fehlt

- eine verbindliche Integration der Medienkompetenzförderung in alle Bildungsbereiche,

- eine ausreichende Grundförderung für Strukturen und

- eine Steuerung und Koordinierung notwendiger Aktivitäten, um hamburgweit alle Zielgruppen zu erreichen.

Es besteht die Gefahr einer weiteren Spaltung der Gesellschaft und der Verlust von politischer Beteiligung der Bürger*innen dieser Stadt.

Letztere überlässt eine hoheitliche Aufgabe, nämlich die Bildung – zu der die Medienbildung schließ­lich gehört – seit Jahren sich selbst. Damit obliegt es in Hamburg dem Zufall, ob Kita-Kinder, Schüler­innen und Schüler, Erwachsene und Eltern und/oder Senioren lernen, wie sie Medien kompetent nutzen. Medienkompetenzförderung in der „Medienstadt Hamburg“ wird seit vielen Jahren allein durch die Anstrengungen aktiver Medienpädagog*innen getragen. Sie engagieren sich für dieses Thema in Schule und außerschulischen Bereichen und vermitteln Menschen unterschiedlicher Altersgruppen die dringend notwendigen Kompetenzen.

Dies passiert in der überwiegenden Mehrheit der Fälle ohne finanzielle Unterstützung der Stadt. Und doch profiliert sich Hamburg mit dem Slogan „Digitale Stadt“ und verweist in diesem Zusammenhang auf das 2013 von der Bürgerschaft verabschiedete Rahmenkonzept Medienkompetenzförderung.

Stellt sich der Senat weiter gegen den nationalen und internationalen Trend, Strukturen für eine nachhaltige und qualitätsgesicherte Medienkompetenz zu schaffen, verlieren Hamburg und seine Bürger*innen im bundesweiten Vergleich den Anschluss.  Die bisherige Hochachtung vor den Be­mühungen schlägt um, wenn die entsprechenden finanziellen Investitionen nicht getätigt werden.

Die aktuellen Kürzungsvorschläge führen dazu, dass bereits im kommenden Jahr erfolgreiche Arbeit zum Teil ganz wegbricht:

Kita – entgegen der Erfahrung, dass bereits Kinder im Kindergartenalter digitale Medien regelmäßig nutzen, spielt das Thema digitale Medien in Hamburger Kitas keine Rolle. Der jährlich stattfindende Fachtag für Erzieherinnen und Erzieher zu dem Thema fällt in 2017 voraussichtlich den anstehenden Kürzungen zum Opfer.

Grundschule – Internet und auch immer mehr das Smartphone gehören für Grundschülerinnen und Grundschüler zum Medienalltag. In der Grundschule wird das bislang nur durch vereinzelte enga­gierte Lehrer*innen aufgefangen, und das schon jetzt geringe Angebot wird noch weiter reduziert, wenn die Qualifizierung von Grundschulen zur „Internet-ABC-Schule“ und „PIF! Projekttage für Internetfrischlinge“ ersatzlos gestrichen werden.

Weiterführende Schule
Medienkompetenzförderung an Schulen stellt eine wichtige Grundlage für die Reduktion sozialer Ungerechtigkeit und mehr Chancengleichheit dar. Viele Lehrer*innen fühlen sich nicht ausreichend vorbereitet und fortgebildet, um digitale Medien zu nutzen und zu thematisieren. Der Hamburger Medienpass ist zu statisch und berücksichtigt weder die Heterogenität der Schüler*innen in ihrem Nutzungsverhalten und ihren Kompetenzen noch die Tatsache, dass Medienkompetenzförderung jahrgangsübergreifend stattfinden sollte.

Eltern
Ab dem nächsten Jahr können verunsicherte Eltern, die Unterstützung in der Medienerziehung brauchen, nicht mehr auf das Angebot eines kostenlosen Medienelternabends zurückgreifen. Das Projekt ElternMedienLotsen, das seit 2009 über 9000 Eltern auf über 700 Elternabendenden erreicht hat, wird gestrichen.

Regelhaft durchgeführte Angebote für Erwachsene und Senioren fehlen bislang ganz.

Das MedienNetz Hamburg e.V. bezweifelt, dass der Hamburger Senat den Stellenwert von Medienkompetenz als eine zentrale Kernkompetenz neben Rechnen, Schreiben und Lesen bereits anerkannt hat, und fordert den Senat dringend zum Umdenken auf. Medienkompetenz ist nicht fakultativ, sondern bereits heute eine Schlüsselfähigkeit, die zur Teilhabe an politischen und demokratischen Prozessen befähigt. Hier bedarf es dringend einer Steuerung und verbindlichen Verankerung. Dies wurde bereits in der vorangegangenen Sachverständigenanhörung im Senat von allen Expertinnen und Experten bestätigt.

Akuter Handlungsbedarf in der Hamburger Medienbildung

Das Mediennetz Hamburg ist der Zusammenschluss von über 180 Personen und Institutionen, die für eine Fülle von Angeboten und Ansätzen der Medienbildung, Medienpädagogik, Ausbildung und Medienkompetenzförderung in Hamburg stehen. Sie realisieren in Projekten, im Unterricht und Seminaren Medienkompetenzförderung. Das Mediennetz Hamburg unterstützt alle Vorhaben, bei denen es um die Ausgestaltung eines breiten Wissens rund um Medien­nutzung, -aneignung und -gestaltung geht. Die Mitglieder des Mediennetzes stehen bereit, ihr Wissen in die Umsetzung einfließen zu lassen. Wichtig sind dem Mediennetz Hamburg folgende drängende Forderungen:

1. Schule braucht die außerschulische Expertise!
Bei der Vermittlung von Medienkompetenz müssen sich schulische und außerschulische Exper­tise abstimmen, ergänzen und miteinander verzahnen. Schon jetzt bedienen die  Mit­glieder des Mediennetzes Hamburg eine Nachfrage aus den Hamburger Schulen nach kom­petenter Medien­bildung. Die zum Ausbau und Koordinierung der Angebote erforder­lichen Mittel müssen von der Schulbehörde bereitgestellt werden. Bildung  muss für alle sein und nicht zufällig!

2. Nur Medienpraxis verschafft einen umfassenden Blick auf Medien
Medienbildung in Hamburg muss dem Leitgedanken folgen, dass die praktische Medien­produktion von Kindern und Jugendlichen im Vordergrund steht. Diese Methode hat sich über Jahre als die Beste herausgestellt, wenn es darum geht, Einsichten zur Funktions- und Wirkungsweise von Medien zu vermitteln.

3. Kein Medium ist wichtiger als das andere, sie bedingen sich!
Medienkompetenz in Bezug auf das Internet ist wichtig und muss dringend gestärkt werden. Eine Beschränkung auf das Internet wäre aber falsch. Es müssen weiterhin und verstärkt Medien wie Print, Hörfunk, Film  und Fernsehen Berücksichtigung finden, da diese Grundkompetenzen der im Internet verbreiteten Inhalte einschließen und im Alltag und als Teil unserer Medienkultur immer noch eine große Bedeutung zukommen.

4. Hamburg braucht regionale Medienzentren!
Modellprojekte reichen nicht mehr, Heranwachsende brauchen eine praktische und theoretisch fundierte Medienbildung. Hierzu braucht es in den Hamburger Bezirken und Stadtteilen klare Ansprechpartner mit Angeboten vor allem für Schulen, die finanziert und verlässlich sind.

5. Medienbildung in Hamburg muss besser koordiniert und gesteuert werden!
Das Mediennetz unterstützt die Idee einer Koordinationsstelle. Diese stellt u.a. Kooperationen zwischen Anbietern her, ermöglicht die Teilnahme von Einrichtungen der Medienbildung an den regionalen Schulkonferenzen und verzahnt die Bemühungen und Projekte der schulischen und außerschulischen Medien­bildung. Das Mediennetz könnte diese Koordinierungsaufgabe übernehmen. Die Finanzierung sollte über die MA HSH gesichert sein.

Dokument
Stellungnahme zu den geplanten Veränderungen des Medienstaatsvertrages

Adressen

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    Mediennetz Hamburg e.V.

    Zusammenschluss von Einrichtungen und Personen der Medienbildung und Medien-Nachwuchsförderung in Hamburg mehr