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Beratungs-Chats für Jugendliche
Teil 2 der Sommerserie zum Thema Chatten: Wie wichtig sind Beratungs-Chats und können sie bei Problemen helfen?
Julia ist 15 Jahre alt. Heute ist einer der Tage, an dem Julia in starke Selbstzweifel versinkt, weil sie den Anspruch an sich selbst wieder einmal unerreichbar hoch gesteckt hat. In solch' emotionalen Momenten, in denen sie sich traurig und minderwertig fühlt, loggt sie sich in den Online-Gruppenchat ein und erzählt von ihren Sorgen. Hier fühlt sie sich verstanden, denn dort hören ihr Fachkräfte und andere Jugendliche zu und helfen ihr. Julia heißt in Wirklichkeit nicht Julia, ihr Name wurde von der Redaktion geändert, aber ihre Geschichte ist real.
Julias Problem ist ein Denkmuster, das für Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung typisch ist: das sogenannte Schwarz-Weiß-Denken. Sie lebt in einer Welt der Extreme, denn ihre Gefühle wechseln sehr schnell zwischen Liebe und Hass, Euphorie und Depression, Selbstzweifeln und Selbstüberschätzung.
Der Beratungs-Chat ist für viele Jugendliche mehr als ein digitaler Kummerkasten, denn er eröffnet einen Raum für Selbsthilfe. Dies bestätigen die Psychologinnen Monika Vey und Sabine Buckel von der Jugend Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (bke) im Chat-Interview: "Es geht darum, den Jugendlichen einen geschützten Rahmen zu bieten, in dem sie ihre Sorgen und Probleme bearbeiten und selbst zum Experten werden können."
Deshalb nutzen die Jugendlichen den Chat. Außerdem hilft ihnen der Deckmantel der Anonymität, Mut zu fassen, sich zu ihren Notlagen zu äußern. Die Jugendlichen schätzen, dass sie durch die Vielfalt der Meinungen und durch das relativ schnelle Tempo der Kommunikation rasch zu Lösungen für einige ihrer Probleme kommen können. Diese vielen Meinungen haben auch Julia geholfen, aus ihrem Schwarz-Weiß-Denken heraus zu kommen und die nötigen Zwischenschritte zu sehen - auch wenn die Chatberatung keine traditionelle Therapieform ersetzen kann.
Der Chat läuft jedoch nicht völlig unreguliert. Fachkräfte wie Sozialarbeiter und Psychologen moderieren die virtuellen Räume. Einerseits tun sie das, um die Jugendlichen nicht zu überfordern und andererseits, um mögliches Mobbing zu vermeiden. Wenn sich Jugendliche nicht an die Chatiquette, das sind vorgegebene Verhaltsregeln, halten, weisen die Moderatoren sie in die Schranken. Im schlimmsten Fall wird ein "Krawallmacher" auch mal aus dem Chat geworfen.
Die Themen in Chats, ob in der Gruppe oder einzeln, reichen von Familienproblemen, Leistungsdruck und Überforderung über Liebeskummer und Sinnkrisen bis hin zu erlebter Gewalt, Suizidgedanken, Depressionen und Drogen- oder Medikamentenkonsum. In diesen Lebenssituationen suchen die Jugendlichen Beratung und Unterstützung, die laut Monila Vey klar im Vordergrund steht.
Letztes Jahr vertrauten sich ca. 6.000 Jugendliche dem bke Chat an und machten ihre Probleme zum Thema. Entweder brachten sie ihre Anliegen in Gruppenchats selbst ein oder beteiligten sich an entsprechenden Themenchats.
Neben den Gruppen- und Themenchats gibt es aber auch Einzelberatungen, in denen sich das Fachpersonal ganz persönlich und individuell auf einen Fall konzentriert. Diese Chat-Form bietet der Hamburger Verein Jugend hilft Jugend mit ihrem Online-Beratungsprojekt kointer. Hier werden Jugendliche in 30- bis 60-minütigen Chats in Sachen Drogensucht beraten. Sie können über die eigene oder aber auch über die Sucht von Freunden und Angehörigen sprechen.
Geplant ist eine interessante Weiterentwicklung des kointer Projekts: Es soll zukünftig ein Konsumtagebuch geben, das der betroffene Jugendliche seinem Berater online freischalten kann. So können zusätzliche Infos in die Beratung einfließen.
In akuten Notsituationen ermutigen die Berater die Jugendlichen, zu erzählen und erarbeiten gemeinsam die nächsten Schritte. Das kann so aussehen, dass zunächst geschaut wird, was der bzw. die Jugendliche jetzt braucht, es werden also konkrete Lösungsansätze gesucht. Es wird aber auch durchaus empfohlen, eine Beratungsstelle vor Ort aufzusuchen oder die Telefonseelsorge anzurufen.
Aber das Medium Chat hat auch seine Grenzen. Es passiert schon mal, dass sich Jugendliche mitten im Beratungsgespräch abmelden, weil sie die Lust verlieren, beschreibt Milena Schreiber vom Verein Jugend hilft Jugend. Die Hemmschwelle für so eine Aktion ist online niedriger und damit verliert man den Zugang schneller als in einem realen Gespräch. Außerdem verliert sich im Chat die Mimik und Gestik. Dadurch kommt es öfter zu Missverständnissen.
Unterm Strich erweitert das moderierte Chatten jedoch das soziale Umfeld der Jugendlichen und hilft ihnen dabei, ihre Probleme zu äußern und zu bearbeiten. Julias Fazit dazu war: "Ich dachte, ich jammere hier nur. Und jetzt geh' ich mit so viel innerlich konstruktiven Ideen".
(JENNY THEOBALD)
Weitere Online Beratungschats für Jugendliche:
Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband – Anlauf- und Beratungsstelle für junge Menschen in Not
kids-hotline
Beratungsstelle für Frauen und Mädchen
(24.07.2012 11:46)





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