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Screenshot aus dem klicksafe- Spot

Mögliche Risiken im Chatroom

Teil 4 der Serie rund ums Thema Chatten: Neben Vorteilen und Chancen bergen Chatrooms auch Gefahren - wie man sie erkennt und was man dagegen tun kann

Es hatte alles ganz harmlos angefangen. Sie hatten sich in einem öffentlichen Chatroom für Jugendliche kennengelernt und auf Anhieb gut verstanden. Anfangs tauschten sie sich über Schule, Musik und Hobbys aus. Doch schon nach einigen Treffen im Einzelchat wurden die Fragen immer intimer. Ob Anna einen Freund habe und ob sie noch Jungfrau sei, fragte er die 14-Jährige. Schließlich forderte er immer vehementer ein reales Treffen. Ihre Eltern konnte sie schlecht um Hilfe bitten, denn die wussten gar nicht, dass ihre Tochter manchmal bis nachts vor dem Rechner sitzt und würden Anna vielleicht sogar mit Computerverbot bestrafen.

Das größte Risiko beim Chatten besteht tatsächlich in der Gefahr der sexuellen Belästigung beziehungsweise des sexuellen Missbrauchs. Carmen Kerger-Ladleif vom Projekt Save Me Online, einer Online-Beratungsstelle für jugendliche Opfer von sexueller Belästigung oder Gewalt, bestätigt: „Auf jeden Fall ist die Kontaktaufnahme über Chaträume für diejenigen, die Interesse haben, Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen, gut geeignet, weil es die Chance der Anonymisierung gibt.“ Ein reales Treffen sei häufig das Ziel der Erwachsenen in solchen Fällen. Diese Erwachsenen gehen meist offen mit ihrem Alter um und versuchen, eine Art elterliches Vertrauensverhältnis zu entwickeln.

Dabei ist es nur eine Variante, ein Vertrauensverhältnis über einen längeren Zeitraum aufzubauen. „Wir hören in unserer Arbeit teilweise von Jugendlichen, dass es Chaträume gibt, in denen direkt gefragt wird, ob man Lust auf Sex oder Cybersex hat oder sich verabreden will“, so Kerger-Ladleif.

Die Ursache dafür, dass es überhaupt zu unangenehmen oder gefährlichen Situationen kommen kann, sieht der Kriminalpräventionsexperte der Hamburger Polzei, Wiro Nestler darin, dass durch das pure Schreiben im Chat viel der üblichen zwischenmenschlichen Kommunikation verloren gehe und so zu schnell Intimes ausgetauscht werde. Grundsätzliches Misstrauen sei daher ratsam. Und Nestler rät Jugendlichen: „Hör auf deinen Bauch!“

Auch bei Save Me Online wird an das Bauchgefühl appelliert. Bei der Online-Beratungsstelle bekommen Jugendliche in akuten Fällen Hilfe. Hier wird Mail- und Chatberatung angeboten. Auf der Startseite werden Termine für Einzelchats veröffentlicht. Diese bieten einen geschützten Rahmen, in dem eine Beratung durch erfahrene Mitarbeiterinnen angeboten wird. Außerdem klärt Save Me Online über Rechte auf. „Wenn sich eine 12-Jährige im Videochat plötzlich einem 23-Jährigen gegenüber sieht, der masturbiert, so gilt das rechtlich als sexueller Missbrauch“, so Kerger-Ladleif.

Zudem ist es wichtig, sich einer Person im näheren Umfeld anzuvertrauen. Dazu ermutigt man die Jugendlichen bei Save Me Online. Außerdem klärt Save Me Online über die Notwendigkeit der Dokumentation sowie über Dokumentationsmaßnahmen wie Screenshot auf. Die digitalen Spuren, die hinterlassen werden, machen es nämlich unter Umständen möglich, jemanden zu überführen. Die Jugendlichen werden natürlich auch dazu angehalten, den Kontakt abzubrechen. Save Me Online verfügt darüber hinaus über eine große Datenbank von Beratungseinrichtungen im gesamten deutschsprachigen Raum, sodass je nach Wohnort Ansprechpartner vermittelt werden können.

Anna hat sich nach der Beratung bei Save Me Online doch noch ihrer Mutter anvertraut. Inzwischen hat sie den Kontakt mit dem zudringlichen Chatpartner abgebrochen. Seit dem hat sie nichts mehr von ihm gehört. Für die Zukunft hat sie sich vorgenommen, bei der Kontaktaufnahme im Netz nicht mehr so leichtfertig zu sein und sich bei der kleinsten Unsicherheit bei ihrer Mutter rückzuversichern.

Inzwischen gibt es durch soziale Netzwerke wie Facebook auch andere Gefahren wie Cybermobbing, Cyberbullying oder Cyber-Stalking, weiß Kriminalpräventionsexperte Nestler. Dort findet heute überwiegend die Vernetzung und Kommunikation unter Jugendlichen statt. Die Herstellung von Kontakten mit unbekannten Personen ist in sozialen Netzwerken wesentlich schwieriger.

In sozialen Netzwerken kann jedoch eine massive Form von Mobbing durch Personen im nahen Umfeld stattfinden. Cybermobbing im Chat kann durch Beschimpfungen und Beleidigungen geschehen. In diesen Fällen ist die Grenze der Strafbarkeit leicht überschritten: „In den Bereich der Beleidigung kommt man relativ schnell, indem man beispielsweise bestimmte Wörter benutzt“, sagt Nestler.

In sozialen Netzwerken wie Facebook können Fotos gepostet und weiter verbreitet werden. Mehr als die Hälfte der Opfer von Cybermobbing empfindet die Weitergabe privater Fotos und Videos als belastend, wenn sie damit lächerlich gemacht oder bloßgestellt werden sollen. Das hat eine neue Studie der Universität Bielefeld zum Thema Cybermobbing gezeigt.

Es kommt auch vor, dass Beschimpfungsnachrichten von fremden Accounts aus verschickt werden. Fälle von Cybermobbing in sozialen Netzwerken entwickeln schnell eine Eigendynamik, die vom Verursacher gar nicht beabsichtigt war, denn es kann in kurzer Zeit ein großer Personenkreis erreicht werden. Dann kann es zu einer regelrechten Hetze gegen die Opfer kommen.

Vorbeugend raten sowohl Wiro Nestler von der Kriminalpräventionsstelle der Polizei wie auch Carmen Kerger-Ladleif von Save Me Online dazu, die eigenen Daten zu schützen. Es sollte möglichst wenige Daten, keine Telefonnummern oder Adressen veröffentlicht werden. Eine Frage, die sich die Kinder und Jugendlichen außerdem stellen sollten, ist, ob das Gesagte oder Gepostete in ihrer Schulaula hängen könnte: Würde man diese Dinge auch im direkten face-to-face Kontakt tun oder sagen? Außerdem sollten in sozialen Netzwerken die Sicherheitseinstellungen überprüft werden: Wer kann meine Fotos ansehen? Kinder sollten wissen, dass sie ein Recht auf Hilfe haben und sich im Ernstfall trauen, diese in Anspruch zu nehmen.

(NORA KOLLMANNSPERGER)

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chatten-ohne-risiko.net