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Die Chatsprache

Teil 3 der Sommerserie zum Thema Chatten: Kommunizieren im Netz

Chatten (engl. to chat 'plaudern, schwatzen') gehört zu den populärsten Formen der Online-Kommunikation. In Teil 3 unserer Sommerserie geht es daher um die Chatsprache. Hierfür sprachen wir mit Antje Liening, Gymnasiallehrerin für die Fächer Deutsch und Geschichte und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg. Sie entwickelte eine Unterrichtseinheit zum Thema Chatsprache, welche beim Raabe-Verlag (RAAbits Deutsch/Sprache August 2008) erhältlich ist.

Scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten der Kommunikation im Netz verändern auch die Art und Weise, wie kommuniziert wird. Doch was zeichnet die Chatsprache eigentlich aus? Formal gesehen versteht man hierunter die Kommunikation in Chaträumen und -foren. „Sie ist ein extremes Beispiel konzeptionell mündlicher und medial schriftlicher Sprache und stellt damit eine neue Form der Schriftlichkeit dar“, fasst Antje Liening die Besonderheit der Netzkommunikation zusammen. Wenn online kommuniziert wird, würden nicht nur sprachliche Normen vernachlässigt werden, es käme auch zu Mischungen verschiedener Sub- und Sondersprachen, so beispielsweise Jugendsprache, Comicsprache, Emoticons etc.

Das Chatten kann einem herkömmlichen Gespräch sehr nahe kommen, anders als bei einer Face-to-Face-Kommunikation ist es jedoch unerheblich, dass sich die Gesprächspartner am selben Ort aufhalten. Die Personen selbst müssen sich nicht einmal zu erkennen geben, es sei denn, sie nutzen eine Webcam oder senden sich Fotos. „Zwischen mir und dem Gesprächspartner befindet sich die Technik – wenn ich so empfinden will quasi als Schutzmantel.“

Daher ist es ebenso möglich, parallel mit mehreren Personen zu chatten, ohne dass diese von den anderen Gesprächspartnern davon wissen. Demzufolge könne Chatten auch von Schein und Trug begleitet werden. „Ich kann in Chatforen eine Identität annehmen, die ich mir gerade auswähle. Ich kann zum Beispiel so tun, als wäre ich eine junge gesunde, grazile Person und sitze in Wirklichkeit – übertrieben gezeichnet - ungewaschen mit Pizza und in Jogginghose vor dem Rechner oder liege mit Laptop krank im Bett.“ Der Hauptunterschied, betont Antje Liening, liege darin, dass die Person selbst nicht wirklich in Erscheinung und in Kommunikation treten müsse. Im Chat können die Folgen der eigenen Worte leichter umgangen werden. „Bei einer Face-to-Face-Kommunikation muss ich in einer langweiligen oder schwierigen Situation immerhin den Schneid aufbringen, aufzustehen und zu gehen - mit allen nach sich ziehenden Konsequenzen.“

Während die ersten Chats auf speziell dafür eingerichteten Seiten zugänglich wurden, gibt es mittlerweile viele Formen, via Chat zu kommunizieren, zum Beispiel per Messenger wie ICQ und Skype, aber auch in sozialen Netzwerken wie Facebook. Dabei ist nicht nur das Schreiben in Echtzeit ein spannender Aspekt. „Interessant dabei ist auch, dass - wie bei der Comic-Sprache - versucht wird, Dinge zeichensprachlich (ikonographisch) zu fassen, die in der Face-to-Face-Kommunikation durch Gestik, Mimik und Verhalten ausgedrückt werden. Etwa Stimmungen, Gefühle, auch intendierte Rezeptionen werden durch Buchstaben- und Zeichenkombinationen wie *lol* :-) etc. ausgedrückt.“

Dennoch, davon ist Antje Liening überzeugt, sei die Netzkommunikation keine Gefahr für unsere mündlichen und schriftsprachlichen Fähigkeiten und sei daher ebenso wenig als negativer Einfluss zu werten. „Die Jugend hat vermutlich noch nie so viel geschrieben wie heute, was der Netzkommunikation zu zollen ist.“ Einen größeren Einfluss hätten hierbei Anglizismen und Wortneuschöpfungen, die vor allem über die Online-Kommunikation Einzug in die deutsche Sprache fänden. Weniger Wichtigkeit durch Chat und SMS erhielten jedoch Orthographie und Interpunktion. An dieser Stelle gegenzusteuern, sei auch Aufgabe des Deutschunterrichts „Andererseits wurden zu Goethes Zeiten Orthographie und Interpunktion auch weniger verbindlich gehandhabt.“

Der Chatsprache könne also nicht unterstellt werden, weniger komplex zu sein als die Kommunikation außerhalb des Internets. Beim Chatten sei ebenfalls eine gewisse Schnelligkeit in der Rezeption und Reaktion notwendig, das schule auch die gedankliche Wendigkeit und Beweglichkeit. Dennoch verweist Antje Liening auf einen Aspekt der Kommunikation, welcher auch im Netz nicht verloren gehen sollte: „Aus Kindertagen kennt wohl jeder den Spruch 'Erst denken, dann reden.' Insbesondere Chatten und Twittern verführt meiner Ansicht nach dazu, zu schreiben ohne genügend nachzudenken. Dies ist dem Inhalt meistens abträglich und richtet oft im Zwischenmenschlichen Schaden an, führt zu Missverständnissen oder Verletzungen.“

Chatten bietet demnach einerseits die Möglichkeit, mit der eigenen Identität zu spielen, geografische Grenzen und sprachliche Normen zu überschreiten und mit Worten experimentell umzugehen, andererseits fehlt diesem Kommunikationsmedium ein wichtiges Element, um Missverständnisse und Fiktion auszuräumen: ein persönliches Gegenüber. „Der innere Zensor bleibt mitunter quasi ausgeschaltet. Schließlich sitzt man ja allein vor dem Bildschirm“ Mit diesem Bewusstsein im Hinterkopf eröffnet aber gerade das Chatten einen experimentellen Freiraum, der neue Formen der Kommunikation möglich macht.

(VERA MARIE RODEWALD)


Hier eine Auswahl bekannter Kürzel für die Chat-Kommunikation:

^^ (auch: ^_^, (^^)), Kawaicon bzw. japanisches Emoticon. Stellt lächendes Gesicht dar.
afaik, Abk. f. engl. 'as far as I know' im Chat.
afair, Abk. f. engl. 'as far as I remember', wird im Chat verwendet.
afk, Abk. f. engl. 'away from keyboard', wird im Chat verwendet um kurze Abwesenheit mitzuteilen.
asap, Abk. f. engl. 'as soon as possible', wird im Chat verwendet.
b4n, Abk. f. engl. 'bye for now', wird zur Verabschiedung im Chat verwendet.
BB, Abk. f. engl. 'bye bye', wird im Chat zur Verabschiedung verwendet.
bbl, Abk. f. engl. 'be back later', wird im Chat verwendet, um vorübergehende Abwesenheit anzukündigen.
biba, Abk. f. 'bis bald', wird zur Verabschiedung im Chat verwendet.
btw, Abk. f. engl. 'by the way', wird im Chat verwendet.
cg, Abk. f. engl. 'congratulations', wird im Chat verwendet.
cu (auch: cya), homophone Abk. f. engl. 'see you'. Wird bei Verabschiedung im Chat verwendet.
cul8er (auch: cul), Abk. f. engl. 'see you later', wird bei Verabschiedung im Chat verwendet.
fg, Abk. f. 'freches Grinsen', wird im Chat verwendet.
gn8, Abk. f. 'Gute Nacht', wird bei Verabschiedung im Chat verwendet.
hf, Abk. f. engl. 'have fun', wird im Chat verwendet.
I-), Emoticon. Drückt Müdigkeit aus.
ic, Abk. f. engl. 'I see', wird im Chat verwendet.
imho, Abk. f. engl. 'in my humble opinion', wird im Chat verwendet.
IRL, Abk. f. In Real Live (im realen Leben).
jk, Abk. f. engl. 'just kidding', wird im Chat verwendet.
LMAO, Initialkurzwort. Häufiges Vorkommen in Chatkommunikation. Bed.: "Laughing My Ass Off".
omg, Abk. f. engl. 'oh my god', wird im Chat verwendet.
re, Abk. f. engl. 1. Response. Antwort auf eine E-Mail oder eine News. "Re:" wird i.d.R. im Betreff automatisch ergänzt. 2. returned, wird im Chat verwendet um Rückkehr nach kurzer Abwesenheit mitzuteilen.
ROTFL (auch: ROFL), Initialkurzwort. Häufiges Vorkommen in Chatkommunikation. Bed.: "Rolling on the floor laughing".
rsn, Abk. f. engl. 'real soon now', wird im Chat verwendet.
sry, Abk. f. engl. 'sorry', wird im Chat verwendet.
thx, Abk. f. engl. 'thanks', wird im Chat verwendet.
wtf, Abk. f. engl. 'what the fuck', wird im Chat verwendet.

Quelle: http://www.mediensprache.net