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Kinder interviewen Kapitän © Stadtteilwelt

Mit Kindern Medien produzieren und über Medien reden

Schrittweise entwickelte der KULTURPUNKT mit der STADTTEILWELT ein umfassendes Medien- und Kulturprojekt für Kinder zwischen neun und 14 Jahren. Projektleiterin Silke Häußler erläutert die Schritte dieser Entwicklung.

Kinder kennen es nicht anders. Sie werden in eine Welt voller körperloser Stimmen und Bildern auf kleinen und großen Flachbildschirmen hineingeboren. Das muss nichts Schlimmes bedeuten. Erst einmal. Doch fehlt ihnen die Distanz. Wir kennen noch die Aufregungen beim Kauf des ersten Fernsehgerätes, Computers oder Handys und haben einen Umgang damit erst finden müssen, manchmal sogar mühsam erlernt. Für Kinder sind viele Medien eine Selbstverständlichkeit: Sie klicken mal hier und mal da, schon können sie das Gerät bedienen. Aber eigene Ideen mit und über Medien zu entwickeln, dafür fehlt ihnen oft der Sinn.

Vor sechs Jahren startete der KULTURPUNKT den Kinder- Hörclub- Dehnhaide im Barmbek°Basch – Träger ist der Verein Kulturhaus Dehnhaide. Ausgestattet mit einem tragbaren CD- Spieler, Kissen, Decken und einer Schatzkiste voller Hörspiele lauschten Kinder der dritten Grundschulklasse Richardstraße entspannt und konzentriert Geschichten. Sie identifizierten Geräusche und stellten Fragen an die sie begleitende Medienpädagogin. Sie tauschten sich nicht allein über die gehörte Geschichte aus, sondern unterschiedlichste Alltagserfahrungen der Kinder flossen mit ein. Medien vermitteln Sichtweisen auf die uns umgebende Welt. Gespräche über Medieninhalte sind immer auch Gespräche über eigene Erfahrungen.

Vor drei Jahren startete der Kulturpunkt dann sein Medienprojekt STADTTEILWELT – von Kindern gemacht, für alle gedacht. Die Idee: Ein Stadtteilmagazin, in dem Kinder aus ihrer Perspektive über Ereignisse und Stadtteilbewohner berichten, aber nicht allein für Kinder, sondern für alle, die in Barmbek wohnen und arbeiten. Ein entscheidender Aspekt, da die Jungreporter zwar spielerisch journalistisches Know-how kennen lernen, jedoch gleichzeitig erfahren, was es heiß­t, etwas zu veröffentlichen, und sich damit in ihrem Medienhandeln ernst genommen fühlen. Die Umsetzung: Medienprofis begleiten und unterstützen Kinder zwischen neun und 14 Jahren, die von der Idee über Schreiben, Filmen und Fotografieren bis zur grafischen Gestaltung an der Produktion ihrer STADTTEILWELT beteiligt sind. Der Blick über die Schulter von Profis und die
Nachahmung eröffnen den Kindern Einblicke in die Praxis der Medienproduktion – ohne Leistungsdruck und Belehrung. Eine partnerschaftliche Vorgehensweise, die ihr Interesse prägt, sie motiviert und ihr Selbstbewusstsein stärkt. Und: Medienkompetenz fördert.

Das schulübergreifende Projekt findet bei Kindern mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen sehr gute Resonanz: Insgesamt haben sich bislang über 80 Kinder über einen längeren Zeitraum an der STADTTEILWELT beteiligt. Fünf Jungreporter sind von Anfang an bei den wöchentlichen Redaktionstreffen dabei. Die Teilnahme an dem Projekt ist kostenlos und freiwillig. Aus dem Modellprojekt entwickelte der KULTURPUNKT ein umfassendes Medien- und Kulturprojekt für Kinder: Von Print über Online zum Film.

Auch wenn digitale Inhalte das Mediengeschehen bestimmen, vermittelt ein Printprodukt den Kindern eine nicht zu unterschätzende Medienqualität: So identifizieren sich die Jungreporter stark mit der gedruckten STADTTEILWELT. Sie sehen Menschen, die ihre Berichte lesen und Fotos ansehen. Ihr Medienprodukt ist sichtbarer und begreifbarer Gegenstand ihrer Welt. Damit erfahren sie, welche Bedeutung Medieninhalte haben können und im Umkehrschluss, welche Bedeutung sie Medieninhalten geben. Natürlich können Kinder diese Tragweite noch nicht reflektieren. Aber sie fangen an, komplexere Fragen zu stellen: Warum können wir nicht einfach einen Text aus dem Internet nehmen, sondern schreiben selbst? Warum fragen wir um Erlaubnis, wenn wir jemanden fotografieren? Wie viel kostet der Druck der Zeitung? Wie verkauft man Anzeigen? Wie viel verdienen Journalisten und Fotografen? Die STADTTEILWELT begann quartalsweise als Magazin mit einer Auflage von 2000 Heften und erscheint dieses Jahr monatlich als eigenständige Seite im Barmbeker Wochenblatt – mit einer Auflage von 48000.

Die Zukunft der Medien spielt sich online ab. Gemeinsam mit den Jungreportern entwickelte die STADTTEILWELT vor zwei Jahren ihren Webauftritt www.stadtteilwelt.de. Ein einfaches Redaktionssystem ermöglicht den Kindern, ihre Artikel und Fotos zu veröffentlichen. Sie loggen sich ein, schreiben, stellen Umfragen ein und löschen Inhalte wieder. Neben der Recherche lernen sie so Möglichkeiten der komplexen Onlinewelt kennen.

Als Reporter interviewen sie einen Psychologen über Spielsucht am Computer bei Kindern oder recherchieren zum Thema Cybermobbing unter Schülern. Medientechnik, Medienproduktion, die Erstellung von Inhalten und Medienbewertung gehen bei der STADTTEILWELT Hand in Hand. Zur OnlineWelt gehört Film seit „YouTube“ einfach dazu. Daher hat die STADTTEILWELT ihr Angebot erweitert: Ob fiktiv oder dokumentarisch, Filme sind wie auch Texte konstruiert und unterliegen einer bestimmten Absicht. Wie zuvor bei Print und Online bewährt sich als Methode der Blick über die Schulter von Profis. Die Kinder sind von Themenfindung über Dreh, Schnitt bis zum fertigen Film an allen Schritten beteiligt. Die Verzahnung der STADTTEILWELT von Print, Online und Film bewährt sich: Jungreporter besuchen für einen Artikel die Dreharbeiten für eine Serie. Zuvor recherchieren sie im Internet und schauen sich einen Trailer zur Serie an. Dann nehmen
sie selbst eine Kamera in die Hand und drehen ihren Film. Medienkompetenz fördern heißt, Kindern einen Spielraum zu geben, um die Zusammenhänge von Medien und Weltaneignung zu erfahren, heißt, ihre Medienkompetenz ernst zu nehmen und daran anzuknüpfen, also: Mit Kindern Medien produzieren und über Medien reden.

Autorin: Silke Häußler
Erschienen im Stadtkulturmagazin Ausgabe 15/2010
www.stadtkulturmagazin-hh.de

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