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Reportage zur Vorlesung "Medien als Erzieher in den Familien? Medienerziehung in der Familie"

Prof. Dr. Kammerl und Dipl. Päd. Sandra Hein (geb. Ostermann) hielten am 13. April 2010 die ersten Vorträge der Vorlesungsreihe „Keine Bildung ohne Medien“.

Die erste Vorlesung aus der Reihe „Keine Bildung ohne Medien“ fand im Pädagogischen Institut an der Uni Hamburg statt und wurde von einem bunt gemischten Publikum aus Studierenden, Hörern und selbst im Medienbereich beschäftigten Interessierten besucht.

Nach einer Einführung durch Prof. Dr. Renate Luca, die die Koordination der Ringvorlesung übernommen hat, wurden zwei Vorträge zum Thema „Medien als Erzieher in den Familien? Medienerziehung in der Familie“ gehalten.

Die Referenten waren die ebenfalls in der Koordination der Vorlesungsreihe mitwirkenden Wissenschaftler Prof. Dr. Rudolf Kammerl und Dipl. Päd. Sandra Ostermann. Kammerl ist in seiner Professur am Fachbereich Erziehungswissenschaft in den Schwerpunkten digitale Medien und Bildung tätig, Ostermann arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Feldern Familie und Medien, Mediensozialisation und Medienkompetenzbildung.


Der Begriff der Familie befindet sich im stetigen Wandel

Prof. Dr. Kammerl gab einen Überblick über den heutigen Familienbegriff und die Mediennutzung in der Familie.
Er sieht – stellvertretend für die Erziehungswissenschaft – Medien nicht als Subjekt, das für Aggressionen sorgen kann und somit nicht als Erzieher in den Familien.

Empirische Forschungen haben ergeben, dass familiäre Erfahrungen sehr prägend sind und als erste und wirksamste Sozialisationsinstanz wirken.
Der Begriff der Familie selbst ist hierbei im Wandel: Es gibt immer mehr Patchwork-Familien, oder Familien mit Stiefeltern bzw. -kindern.
Bildung wird von diesen Familien in vielfältiger Art und Weise geleistet; sie erfolgt in erster Linie unabsichtlich und nebenbei und ist daher kein planerisches oder intentionales Handeln.
Erziehungsleistung ist somit vor allem Vorbildlernen. Die Verhaltensformen der Mediennutzung werden im Elternhaus erlernt – bewusste Auswahl oder „Berieselung“ werden somit vorgelebt.

Betrachtet man die Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Mediennutzung, so wird deutlich, dass es in Haushalten aus sozial stärkeren Familien eine ebenso stärkere Mediennutzung gibt. Diese besteht jedoch, wie Kammerl unterstrich, im Vergleich zu sozial schwächeren Familien aus mehr Informationsanteilen und Texterstellung im Gegenzug zu einem größeren Unterhaltungs- und Spielanteil in sozial schwächeren Familien.
Es kann jedoch auch zu einem gegenteiligen Effekt kommen: Kinder aus bildungsreicheren Familien verweigern teilweise das Lesen, um somit Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erlangen.


Der Fokus muss vom Medium in Richtung Familie gelenkt werden

Sandra Ostermann knüpfte an die Ausführungen von Prof. Dr. Kammerl an und erläuterte eine aktuelle Studie der Uni Hamburg zur Medienerziehung in der Familie.
Hierbei sieht sie es als entscheidend an, direkt in die Familie zu gehen, die sie, ebenso wie Prof. Dr. Kammerl als im Wandel stehend betrachtet.
Die heutige Familie wird als „Doing Family“ gesehen: Der Alltag muss als Arbeitsprozess täglich neu hergestellt werden. Die Rolle der Eltern ändert sich hierbei und auch die Beziehung zwischen Kindern und Eltern hat sich verändert. Einstige „Befehlshaushalte“ werden heute zu „Verhandlungshaushalten“ mit ausgeprägter Kommunikationsstruktur, in der Kinder als autonome Subjekte mit Bedürfnissen angesehen werden.

Mit dem zunehmenden Anteil der Medien am Familienalltag kommt der Familie neben den Alltagsaufgaben auch die Aufgabe der Bildungsvermittlung zu.
Der Familienalltag ist gleichzeitig ein Medienalltag: Die Medien verändern die Strukturen zwischen Kindern und Eltern und sorgen für andere Abläufe und andere Kommunikation. Der Medienumgang beginnt hierbei in der Familie – er beginnt im Gemeinsamen, endet aber im Individuellen.


Von der Theorie in die Praxis

Experteninterviews aus den Bereichen der Familienberatung, Therapie und Suchtprävention zum Thema Mediensucht bei Jugendlichen haben ergeben, dass Familien aus allen sozialen Schichten und aus dem breiten Spektrum an Erziehungsstilen ein Problem mit der Mediennutzung feststellen. Meist haben die Jugendlichen jedoch viele Freiheiten und wenig Aufgaben oder Verantwortung, die sie übernehmen müssen.
Die Kommunikation in der Familie wird durch den intensiven Mediengebrauch gestört – das Reizthema (meist „Computer“) wird von den Eltern ausgelassen – andere Lebensinhalte dagegen von den Kindern nicht wichtig genommen. Dadurch kommt es von einer gemeinsamen zu einer parallelen Lebenssituation.

Die Medienerziehung steht zudem vor einem Generationskonflikt: Für Eltern stellt der Computer ein Arbeitsinstrument dar, für ihre Kinder hat er jedoch ganz andere Funktionen – insbesondere unterhaltende. Viele Eltern merken hierdurch erst spät, dass ihr Kind ein suchtartiges Verhalten an den Tag legt, das nichts mit der Erledigung von Schularbeiten zu tun hat.
Die Probleme hierin werden von wissenschaftlicher Seite wiederum in der Familie gesehen und nicht beim Medium selbst, das den oben genannten Subjektcharakter nicht besitzt und somit nicht Schuld am falschen Umgang mit sich selbst sein kann.

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