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Hamburgs Medienbildung und die Corona-Krise: Andrea Sievers

Was sind die zentralen Schwierigkeiten in der derzeitigen Projektplanung?

Besonders die ungewisse Zukunft ist belastend für die Teilnehmenden und die oft freiberuflichen Honorarkräfte. Während die Schulen allmählich wieder öffnen, ist völlig unklar, ob dieses Jahr überhaupt noch offene Kinder- und Jugendarbeit oder Schulkooperationen stattfinden können.

Welche speziellen Probleme aber auch Chancen ergeben sich für Deine/Eure Einrichtung/Arbeit?

In der praktischen Arbeit ist besonders schwierig, dass wir nicht mehr alle Kinder erreichen können. Wir haben neben Ferienworkshops und Schulprojektwochen vor allem drei regelmäßige, offene Gruppen bei den Radiofüchsen, eine davon mit sehr jungen Kindern im Alter von 7-8 Jahren. Während mit vielen älteren Kindern der Kontakt ganz gut klappt, hören wir von den jüngeren oder denen, die zu Hause nicht so viel Unterstützung bekommen, zum Teil gar nichts mehr.

Eine große positive Überraschung ist für mich, mit welcher Motivation sich einige unserer Radiofüchse gerade engagieren, obwohl wir uns nicht "live" treffen können. Die Internetseite www.radiofuechse.de sollte immer eine Plattform sein, die Kinder auch selbständig für sich und ihre Interessen nutzen. Das ist jetzt mehr denn je der Fall! Besonders Kinder, die schon lange bei uns aktiv sind, organisieren von zu Hause Telefoninterviews, drehen kleine Videos und schreiben vollkommen selbständig Infobeiträge für die Radiofüchse. Anstatt die Kinder dabei anzuleiten, fahre ich mit dem Fahrrad durch die Stadt und transportiere Aufnahmegeräte, Mikrofone und Tablets von Haushalt zu Haushalt, die ich natürlich regelmäßig desinfiziere.

Jetzt zeigt sich, dass viele Radiofüchse sich stärker mit ihrem Projekt identifizieren, als ich geahnt habe. Hier zahlt sich langfristige Projektarbeit und das oft ermüdende Ringen um Gelder aus!

Gibt es Wünsche, die Du an Politik und Verwaltung hast?

Für freiberufliche Medienpädagoginnen und -pädagogen ist die Hamburger Corona Hilfe tatsächlich eine schnelle und recht unbürokratische Hilfe, die dazu führt, dass der akute Druck etwas abfällt und Honorarausfälle kurzfristig abfedert. Noch besser wäre die Auszahlung eines zum Beispiel auf sechs Monate begrenzten bedingungslosen Grundeinkommens.

Darüber hinaus gelten die gleichen Forderungen wie sonst: In jeden Stadtteil gehört ein Medienzentrum, das von festen Medienpädagog*innen betreut wird - eine Selbstverständlichkeit in vielen Bundesländern, aber nicht in der Medienstadt Hamburg.

Fachkräfte, auch Lehrer*innen brauchen Fortbildung, insbesondere in Bezug auf die Nutzung alternativer und datensicherer Software. Allzu schnell wird in der jetzigen Situation das genutzt, was man kennt oder was sich schnell rumspricht und nicht das, was aus Sicht des Datenschutzes gerade im Umgang mit Kindern notwendig wäre. Sprich: Mehr Signal oder Delta Chat statt WhatsApp, mehr Jitsi und weniger Zoom.

Medienprojekte, die sich in Hamburg schon seit Jahren von Projektförderung zu Projektförderung hangeln, müssen endlich Planungssicherheit durch Verstetigung und staatliche Anerkennung auch durch fest finanzierte Stellen bekommen.

Warum ist Medienbildung gerade jetzt besonders wichtig?

Wie oben schon geschrieben: Jetzt wird ganz schnell das genutzt, was die meisten nutzen. Und nicht das, was datenschutztechnisch und auch medienpädagogisch sinnvoll wäre. Plötzlich haben Lehrer*innen WhatsApp Gruppen mit ihren Schüler*innen oder finden sich in Zoom-Konferenzen mit ihnen wieder - aus schierer akuter Notwendigkeit fehlt die Zeit für die Auseinandersetzung mit alternativen Tools.

Offene Medienprojekte können da jetzt entspannter reagieren und dies mit ihrer Zielgruppe auch thematisieren.

Was sind Deine Hoffnungen für die „Zeit danach“? Kann es genauso weitergehen?

Meine Hoffnung ist, dass unsere Förderer Kulanz und Großzügigkeit zeigen und alternative Konzepte, mit denen wir jetzt ja durchaus weiterarbeiten, auch im Nachgang anerkennen. Bisher mussten wir zum Beispiel Teilnahmenachweise mit Unterschriftenlisten aller Kinder führen, weil die Höhe der Fördergelder von der Zahl der Teilnehmenden abhängt.

Ab sofort dürfen wir zwar zur Dokumentation zwar auch Alternativen wie Screenshots von Videokonferenzen o.ä. nehmen, aber ob die am Ende des Jahres auch mit dem Verwendungsnachweis anerkannt werden, bleibt unklar. Und vieles, wie lange Telefonate mit Kindern, lässt sich auch schlecht oder gar nicht dokumentieren.

Dein Satz, um Mut zu machen!

Tüte übers Mikrofon, weitermachen und zusammenhalten!

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