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Kreativität 2.0

Der Verein Mediennetz Hamburg setzt sich dafür ein, die Chancen digitaler Technologien stärker zu nutzen, etwa in Schulen und Kitas. Die Vorstandsmitglieder Colette See und Andreas Hedrich im Gespräch mit kju, dem Magazin der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur. (Dort erstmalig erschienen im Frühling 2018: http://www.kinderundjugendkultur.info)

kju-Magazin: Werden digitale Medien zu stark mit Risiken assoziiert, oder werden umgekehrt die Risiken zu wenig gekannt und ernst genommen?

Colette See: Die Diskussion ist emotional aufgeheizt. Gefühlt gibt es zwei Lager – im einen sind Menschen, die begeistert von digitalen Medien sind und auf die positiven Folgen für Wirtschaft, Politik und Kultur abheben. Im anderen Lager sind Leute, die vordergründig die negativen Seiten sehen, wie Internet-Sucht. Eltern sind oft stark auf die Risiken fokussiert. Ich glaube, man muss die Dinge viel differenzierter sehen und akzeptieren, dass Computer und Handys eben zur Lebensrealität von Kindern gehören. Das greifen wir als Medienpädagogen auf.

Andreas Hedrich: Es ist wie beim Fahrradfahren. Es geht darum, Risiken und Regeln zu kennen. Digitale Medien sind für sich kein Problem, es kommt eben darauf an, wie sie genutzt werden. Sicher ist, dass das Netz auch für Kinder viele tolle Orte bietet, etwa Bildungs-Webseiten oder solche, auf denen man Musik kennenlernen oder selbst machen kann.

Gibt es die Chance, dass durch neue Medien Kreativität „barrierefreier“ wird, mehr Kinder und Jugendliche eigene Ideen verwirklichen?

Colette See: Auf jeden Fall wird viel mehr Content produziert als früher, unter anderem deshalb, weil heute jeder mit seinem Handy eigene Aufnahmen machen kann. Aber ab wann ist das dann ein richtiger Film oder eine Fotografie? Heute laden viele oft irgendetwas hoch, ohne sich Gedanken zu machen. Da kommt dann Medienkompetenz ins Spiel.

Andreas Hedrich: Manche Apps zum Filmen geben z. B. schon viel vor, Einstellungen und Schnitte. Damit wird denjenigen, die etwas selbst gestalten wollen, das vorgegeben, was eigentlich kreative Medienarbeit ausmacht. Es geht ja genau darum, vorgefertigtes Sehen abzulegen, zu lernen, dass man zum Beispiel eine Einstellung auch mal ganz anders machen kann als üblich. So etwas bringen wir beim jaf e.V. Jugendlichen dann in Workshops wie „Film dir einen“ bei.

Wo sehen Sie die größten Möglichkeiten bei der kreativen Nutzung digitaler Medien?

Andreas Hedrich: Ich sehe sie eher im Bereich der Kommunikation als im Bereich der Produktion. Jugendliche können heute ganz anders an Diskussionsprozessen und damit am Weltgeschehen teilnehmen. Man kann viel schneller eine größere Gruppe von Menschen erreichen und ein Feedback auf etwas bekommen. Es gibt ja auch unzählige jugendliche Blogger. Das kreative Element daran ist dann, ein eigenes Thema, eine eigene Sprache, einen eigenen Weg zu finden.

Wie werden neue Medien die Kinderund Jugendkultur verändern? Welche Auswirkungen sehen Sie für klassische Formen wie Theater und Musik?

Andreas Hedrich: Sie wird vielfältiger, kreativer. Es wird neue Formen geben, und Kunstformen werden verbunden werden. Mit digitalen Medien lässt sich der Lebensweltbezug zu Kindern und Jugendlichen sehr schnell herstellen. Wenn zum Beispiel in einer Theaterinszenierung etwas zum Thema Computerspiele gemacht wird, interessieren sich oft schnell viel mehr Jungs dafür. Das heißt nicht, dass alles digital werden muss, dass ständig Bilder an die Wand projiziert werden müssen. Aber die Erfahrungen aus Computerspielen lassen sich für andere Kunstformen nutzen, zum Beispiel auch als Ballett aufführen.

Colette See: Wir brauchen die Akteure der klassischen Kinder- und Jugendkultur. Niemand sollte Angst haben, dass etwas verdrängt wird. Es ist nur wichtig, sich ein Stück weit zu öffnen und die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen im Blick zu halten. Und es muss partizipativ laufen, die Frage muss heißen, was bringt ihr mit, was bewegt euch?

2013 wurde, unter Mitwirkung des Vereins Mediennetz Hamburg, ein Rahmenkonzept für Hamburg zur Medienkompetenzförderung erarbeitet. Wie bewerten Sie heute – fünf Jahre später – den Stand der Dinge? Wo ist die Stadt weitergekommen, wo nicht?

Andreas Hedrich: Positiv ist, ein Konzept zu haben, auf das man sich berufen kann. Gut ist auch, dass die Schulbehörde sich auf den Weg gemacht hat. Es gibt jetzt zum Beispiel seit diesem Frühjahr eine Stabsstelle für Digitalisierung in Schulen. Eine Veränderung ist auch bei Schulsenator Ties Rabe (SPD) festzustellen. Er spricht heute ganz anders über das Thema als noch vor zwei Jahren.

Colette See: Zu bemängeln ist, dass der digitale Wandel in Hamburg noch nicht richtig als Zäsur begriffen worden ist. Die meisten Wirtschaftsunternehmen verstehen, dass da eine Transformation im Gange ist, die alle Bereiche umfasst. Die Politik in Hamburg bisher nicht.

Andreas Hedrich: Beim Thema Digitalisierung wird immer die Schulbehörde gefragt. Andere Behörden wie Kultur, Soziales und Arbeit sehen sich nicht als Akteure.

Was müsste denn passieren?

Andreas Hedrich: Es müsste eine zentrale Koordinationsstelle geben, vielleicht angesiedelt beim Bürgermeister, die das Thema Digitaler Wandel für alle anderen Bereiche durchdekliniert. In jeder Behörde sollte das Thema Medien mitgedacht werden. Dabei braucht es auch eine kritische Distanz. Hamburg ist eben eine Pfeffersackmetropole, es werden Unternehmen wie Google und Facebook angelockt, das wird dann in der Tradition der Verlagsstadt Hamburg gesehen. Aber diese Unternehmen sind etwas ganz anderes als ein Verlag wie Gruner + Jahr, der auch soziale Projekte fördert. Hamburg könnte Unternehmen wie Google stärker fordern, etwa dazu ermutigen, in eine Stiftung einzuzahlen, die dann Projekte zur Medienkompetenz finanziert.

Colette See: Ein weiteres Problem ist, dass Einrichtungen im sozialen Bereich, etwa in der Familien- und Jugendhilfe, beim Thema Digitalisierung alleingelassen werden. Wie soll etwa die stationäre Jugendhilfe damit umgehen? Hier müssten die Pädagogen geschult werden. Es müssen Hausordnungen formuliert werden, die digitale Themen umfassen. Da braucht es Unterstützung von den zuständigen Behörden.

Gibt es Städte oder Bundesländer, von denen sich Hamburg etwas abschauen kann?

Colette See: Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen finanzieren den Bereich Medienkompetenz besser. Hier wird ein Großteil der Projekte über Drittmittel finanziert, beispielsweise durch Stiftungen.

Andreas Hedrich: Um einmal über die Ländergrenze zu schauen: Helsinki ist eine Stadt, in der vieles vorbildlich läuft in Sachen Offenheit und Professionalität. Die dortigen Stadtbibliotheken sind wirklich Kulturzentren, wo die Leute alles erdenkliche Wissen und Equipment bekommen, egal ob es um Film, Probenräume oder 3D-Drucker geht.

Aus Ihrer Sicht sollte Medienkompetenz bereits in Kitas geschult werden. Viele Eltern sind hingegen der Meinung, Kitas sollten am besten ganz frei bleiben von Computern und Handys…

Colette See: Auch die Lebenswelt kleiner Kinder ist digital. Schon allein deshalb, weil Eltern ebenfalls auf Smartphones und Tablets zurückgreifen. Das lässt sich nicht zurückdrehen. Kita-Kinder sprechen über Medieninhalte aus Filmen und Computerspielen und dadurch hat sich auch das Spielverhalten verändert. Und in der Kita sind eben auch Kinder, deren Eltern die Nutzung von digitalen Medien nicht im Blick haben oder hinterfragen. Deshalb müssen sich Kita-Erzieher damit beschäftigen.

Andreas Hedrich: Das Thema sollte in die Kitas, aber das heißt ja nicht, überall neue Geräte anzuschaffen. Es bedeutet zum Beispiel, einmal über die Herstellung von Smartphones zu sprechen oder über Persönlichkeitsrechte. Und es kann zum Beispiel darum gehen, wie aus einem Bilderbuch eine bewegte Geschichte wird.

Wie werden digitale Medien den Schulunterricht in den kommenden fünf bis zehn Jahren verändern?

Andreas Hedrich: Die starre Unterrichtsform der Schule wird sich auflösen. Es wird mehr projektorientiert, fächerübergreifend gearbeitet werden. Digitale Medien können dabei helfen, Bereiche zu vernetzen und Kinder auf andere Art zu erreichen. Um ein Beispiel zu nennen: Denkbar wäre zum Beispiel ein fächerübergreifendes Projekt zum Thema Sport und Geschichte, in dem es um das ehemalige HSV-Stadion am Rothenbaum geht, und die damalige gesellschaftliche Situation. Da kann ein Film gedreht werden, Interviews geführt, eine Szene von damals wird von Schülern und Schülerinnen gespielt, mit einem alten Lederball…

Colette See: Wichtig ist, dass nicht der Eindruck entsteht, dass die Schüler jetzt etwas Zusätzliches lernen müssen – wie Programmieren – und klassische Fächer wie Mathematik und Deutsch unter den Tisch fallen. Es geht nicht um ein Entweder – oder. Das Thema Medien muss einfach immer selbstverständlich mitgedacht werden, in allen Fächern. Interessant ist, dass das bei Lehrern nicht unbedingt eine Generationenfrage ist. Es gibt immer wieder Jobanfänger, die kein Interesse daran haben und auch während ihrer Ausbildung nicht in Kontakt mit medienpädagogischen Inhalten gekommen sind.

Andreas Hedrich: Wenn mit den Jugendlichen keiner über diese Themen spricht, bauen die sich ihre eigene Welt. Und die kann dann sehr merkwürdig sein.

Der Verein Mediennetz Hamburg ist Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft für Kinderund Jugendkultur (LAG), Colette See ist im März in den Vorstand der LAG gewählt worden.

 

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