Magazin / Reportagen 
Julia André

Im Gespräch mit Julia André zum Thema Medienbildung

Julia André über ihre Arbeit in der Körber-Stiftung und die Bedeutung von Medienbildung im schulischen und außerschulischen Kontext

Julia André ist Leiterin des Fokusthemas "Digitale Mündigkeit" der Körber-Stiftung in Hamburg. Mit ihren operativen Projekten, in ihren Netzwerken und mit unterschiedlichen Kooperationspartnern stellt sich die 1959 von dem Unternehmer Kurt A. Körber gegründete Stiftung aktuellen Herausforderungen in den Handlungsfeldern Demografischer Wandel, Innovation und Internationale Verständigung. Das Mediennetz Hamburg hat mit Julia André über ihre Arbeit und die Medienbildung in Hamburg gesprochen. 

Mediennetz: Wie sind Sie zur Körber-Stiftung gekommen?

Julia André: Ich kenne die Körber-Stiftung durch ein Praktikum während meines Studiums. Ich habe Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte und Philosophie studiert und wusste recht früh, dass ich gerne praktisch arbeiten möchte. Dementsprechend hat mir die Arbeit in der Stiftung mit ihrer gelungenen Verknüpfung von wissenschaftlicher Analyse und gesellschaftlicher Praxis direkt zugesagt.

Mediennetz: Welche Aufgaben gehören zu Ihrem Tätigkeitsfeld in der Körber-Stiftung?

Julia André: Ich beschäftige mich aktuell hauptsächlich mit unserem Fokusthema "Digitale Mündigkeit", das auf unserer Arbeit im Bereich MINT aufbaut. Dort engagieren wir uns schon seit einigen Jahren dafür, mehr junge Menschen für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Das aktuelle Fokusthema "Digitale Mündigkeit" gründet auf unserer Einschätzung, dass zum einen das I wie Informatik nicht ausreichend berücksichtigt wird und zum anderen die Debatte über digitale Bildung bislang inhaltlich noch viel zu kurz greift. Digitale Medien werden noch zu sehr als Tool begriffen, mit dem man Unterricht effizienter machen kann. Dass sie unser ganzes Denken und Handeln verändern und es Ziel sein sollte, diese Technologie selbst zum Gegenstand zu machen und zu verstehen, wird bislang zu wenig beachtet. Unsere Idee ist es daher, Kindern und Jugendlichen eine Möglichkeit zu bieten, mit der Technologie in Berührung zu kommen und selbst zu programmieren – vor allem in Schulen, in denen die Themen digitale Medienbildung und Coding bislang nur punktuell aufgegriffen werden. In enger Kooperation mit medienpädagogischen Projekten und Vereinen und auch auf politischer Ebene wollen wir so zur digitalen Mündigkeit beitragen. 

Mediennetz: Was verstehen Sie unter digitaler Mündigkeit und weshalb sollte sie gefördert werden?

Julia André: Mündig sein bedeutet, selbstbewusst, informiert und mit eigenen Entscheidungen durch die Welt zu gehen. Wird diese Welt nun zunehmend digitalisiert, gehört dazu eben auch, digitale Medien souverän nutzen zu können. Kinder und Jugendliche sollten erfahren, dass sie die digitale Welt mitgestalten können – beispielsweise im Rahmen eines Programmierworkshops, in dem sie die Funktionsweise der Technik kennenlernen und erfahren, was mittels Programmieren alles möglich ist. Und das ist ja am Ende die ganze Idee von Mündigkeit: dass ich selber Verantwortung übernehmen, die Gesellschaft mitgestalten und bewusster Entscheidungen treffen kann.

Mediennetz: Welche Projekte unterstützen Sie mit der Körber Stiftung und was tragen diese zur digitalen Mündigkeit bei?

Julia André: In unseren Projekten legen wir den Fokus auf das „Selbermachen“, wie beispielsweise bei der Code Week oder dem Projekt zum Calliope Mini. Gemeinsam mit der Initiative App Camps denken wir zudem momentan über ein Format für Lehrkräfte nach, um auch diese stärker mit der digitalen Wirklichkeit in Berührung zu bringen. Unser Eindruck ist, dass bei einigen Lehrkräften noch die Bereitschaft fehlt, sich auf Medienbildung im Unterricht einzulassen. Einblicke in die Unternehmensstruktur der digitalen Branche könnten an dieser Stelle womöglich einen "Aha-Effekt" bringen. Um das Thema auch auf die politische Agenda zu setzen, haben wir gerade außerdem eine Studie zum digitalen Bildungsstandort Hamburg veröffentlicht, für die 70 Expertinnen und Experten in der Stadt befragt wurden. Mit den Ergebnissen und ersten Handlungsempfehlungen wollen wir die Debatte über eine zukunftsweisende Digitalisierungsstrategie für Hamburg als Bildungs- und Wissenschaftsstandort voranbringen. Eine erste Strategiewerkstatt mit Akteuren aus allen Bereichen hat bereits viele gute Ideen hervorgebracht wie z.B. die Einrichtung digitaler Lernzentren in allen sieben Hamburger Bezirken. 

Mediennetz: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation im Hinblick auf Medienkompetenzförderung in Hamburg ein?

Julia André: Es gibt viele engagierte Akteure mit großer Expertise, die sehr gute medienpädagogische Arbeit leisten. Doch es fehlt an Transparenz, Koordination und Förderung. So gilt Medienkompetenzförderung seit Änderung des Medienstaatsvertrag Hamburg / Schleswig-Holstein und den entsprechenden Mittelkürzungen nicht mehr als Muss- sondern als Kann-Aufgabe. Eine Entscheidung, die meiner Meinung nach ein völlig falsches Signal gibt. Zusammenfassend gilt: Die Ausgangsvoraussetzungen für eine gelingende Medienkompetenzförderung sind gegeben, es ist nicht so, dass wir bei null anfangen müssen. Auch die Behörden wissen um die Bedeutung des Themas und es gibt Pilotprojekte, auf denen man aufbauen kann. Was es ganz dringend braucht, ist jedoch ein klares politisches Bekenntnis. Zwar hat Hamburg eine politische Agenda zur digitalen Stadt und ist damit anderen Städten in Deutschland voraus, doch im Bildungsbereich geschieht noch viel zu wenig.

Mediennetz: Welche Aufgaben können schulische und außerschulische Lernorte für die Medienbildung von Heranwachsenden übernehmen?

Julia André: Wenn wir alle Kinder und Jugendlichen erreichen wollen, dann braucht es vor allem in der Schule Angebote, die zur digitalen Partizipation anregen. Nicht nur außerschulisch, sondern auch schulisch müssen wir von diesem Gefahrendiskurs wegkommen. Es braucht ein Setting, in dem Lehrende und Lernende voneinander lernen können. Hierfür ist es vor allem notwendig, Lehrkräfte für das Thema der digitalen Medienbildung zu interessieren und zu motivieren. 

Mediennetz: Was wünschen Sie sich für die zukünftige Medienbildung in Hamburg?

Julia André: Ich wünsche mir insbesondere Anerkennung und Wertschätzung für die Medienbildung. Es ist notwendig, Prioritäten festzulegen und auf positive Erfahrungen aus der Praxis aufzubauen. Das ist natürlich auch eine finanzielle Frage, bei der ich vor allem die Stadt in der Pflicht sehe. Zudem sollte das Thema viel mehr in der Lehreraus- und -fortbildung verankert sein. Nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrkräfte sollten digital mündig sein. 

Das Mediennetz Hamburg bedankt sich für das Interview.

Weitere Informationen zum Fokusthema "Digitale Mündigkeit" der Körber-Stiftung: www.koerber-stiftung.de

(Vanessa Hüsmann)