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Webdesign-und-Crossmedia-Workshop_SAE_Workshopleiter und Teilnehmerin am PC

Blogs in der Medienbildung

Die Zahl der Blogs weltweit steigt von Jahr zu Jahr. Doch welche Bedeutung und welches Potential haben die Online-Journale für die Medien- und Bildungswelt? Die kritischen Stimmen reichen von Einschätzungen wie den „Klowänden des Internets“ bis zum „neuen Journalismus“. Und vielerorts haben Lehrende, Studierende sowie Schülerinnen und Schüler begonnen, das Medium für sich zu entdecken. Das Mediennetz Hamburg ist für einen Nachmittag selbst in die Blog-Lehre gegangen und hat sich mit Blogging-Experten aus der Medienbildung unterhalten.

Große Bildschirme erleuchten die Gesichter der vier Workshop-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer. Es ist still, nur das Klackern der Tastaturen und das Quietschen der Drehstühle ist zu hören, wenn jemand sein Gewicht verlagert. Entlang der Decke verlaufen metallene Lüftungsrohre. Ein künstliches, rosablaues Licht fällt auf die dunklen Tische und Grünpflanzen in dem fensterlosen Raum des SAE Institutes. Die Monitore sind hier die Fenster und das Web 2.0 die Welt dahinter. In dieser Parallelwelt, genauer gesagt in der Blogosphäre des World Wide Web, entstehen in diesem Augenblick vier neue Webspaces.

Henning, der junge Webdesign-Student und Kursleiter in Shorts und Turnschuhen, wandert zwischen den Teilnehmenden hin und her und wirft einen Blick auf die Bildschirme. Vorne zeigt die Overheadprojektion auf einer Leinwand, an welchem Punkt der Anmeldung sich die Blogsysteme befinden sollten. Das Blog braucht einen Namen. „Nennt ihn einfach Mein-toller-neuer-Blog oder so. Ihr könnt den Namen später noch jederzeit ändern!“ Für langes Grübeln ist jetzt keine Zeit: innerhalb von zwei Stunden sollen sie ihren eigenen Blog eingerichtet und gestaltet sowie einen ersten Beitrag gepostet haben. Ob das etwas wird?

Der Workshop, den Henning an diesem Tag leitet, nennt sich „Webdesign & Development und Crossmedia Production & Publishing“. Das Wortungetüm setzt sich zusammen aus zwei Studiengängen des privatfinanzierten SAE Institute: einem für zukünftige Webdesigner und einem für angehende Journalisten. Längst gehören die Kenntnis der verschiedenen Blog-Varianten, ihre Konzeption und Umsetzung zur Ausbildung dieser Medienzweige am Institut. Auch die Teilnehmenden des Schnupper-Workshops möchten Bloggen lernen. Dafür kann man, muss man aber nicht studieren.

Eine kleine Geschichte des Bloggings

Wer bloggt, geht mit der Zeit. Blogs liegen im Trend und ihre Zahl wächst mit jedem Monat. Die genaue Anzahl ist unbekannt, allein auf der Plattform Tumblr waren es jedoch im Juli 2014 bereits 195,1 Millionen. Und es geht weiter bergauf.

Ursprünglich Weblog genannt, stellten Blogs Logbücher des Internets dar. Sie dokumentierten als datierte Linklisten die Koordinaten verschiedener Websites im Netz, die die Blogger bemerkenswert fanden. Mittlerweile spricht man nur noch von Blogs, seit 2006 steht das Wort im Rechtschreibduden und gehört zum Wortschatz des Zertifikats Deutsch. Ein Blog ist heute eine umgekehrt chronologische Liste von Beiträgen, die jeweils eine eigene URL besitzen und entsprechend einzeln aufgerufen werden können. Versammelt werden sie in sogenannten Content-Management-Systemen (CMS), die es auch Nicht-Informatikern ermöglichen, einen Blog zu betreiben.

Schmuddeliges Massenmedium oder neue Institution der Meinungsbildung?

Aus den Aufzeichnungen privater Streifzüge der ersten Weblogger hat sich nun ein mächtiges Social Medium entwickelt, das Einzug in die verschiedensten Lebensbereiche hält. Blogs sind eine Plattform für authentische Stimmen zu allen nur erdenklichen Themen, vielfältig genutztes Informationsmedium und zunehmend in Form von Unternehmensblogs, sogenannten Corporate Blogs, auch Teil der Berufswelt. Sie werden in Studiengängen gelehrt wie am SAE Institut, in Schüler-Ferienkursen vermittelt und in Online-Tutorials erklärt.

„Wer sich über neue Dinge informieren möchte, sucht danach auf Blogs. Es ist viel wahrscheinlicher, dass man ein nichtkommerzielles Blog findet, auf dem beispielsweise die neuesten iPhone-Apps vorgestellt werden, als dass man eine nichtkommerzielle Website findet, die das gleiche tut.“, meint Ralf Appelt, Medienpädagoge der Universität Hamburg. Mit ihrem Anspruch auf Wahrheit, Aktualität und Interaktion haben Blogs selbst die etablierten Nachrichtenmedien verändert. „Wir haben uns daran gewöhnt, dass man Online-Zeitungsbeiträge und Themen öffentlich kommentieren und miteinander diskutieren kann“, beschreibt Appelt den Einfluss der Blogs auf die Online-Medienwelt.

Dieser Einfluss wurde nicht von Anfang an begrüßt. Verschiedene, alteingesessene Medienleute bezeichneten Blogs etwa – nicht immer beabsichtigter Weise öffentlich – als „Klowände des Internets“ (die ganze Geschichte dazu erzählt beispielsweise dieser Spiegel-Online Artikel) oder das Blogging als „Schwarmdummheit“ und lösten eine Welle der Empörung aus.
Nach und nach wird jedoch auch von den ‚alten‘ Journalistinnen und Journalisten eine Form der Symbiose zwischen Blogs und (Fach-)Journalismus für möglich gehalten – so etwa im Fazit dieses Artikels des Onlinemagazins „Fachjournalist“, welcher sich mit den Ergebnissen einer Studie befasst, die im Auftrag des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes (DFJV) durchgeführt wurde und sich mit dem Selbstverständnis sogenannter Themenblogger und ihrem Verhältnis zum Journalismus beschäftigt.

Das Bildungspotential von Blogs: Einsatz in der Lehre

Doch nicht nur in der Nachrichten- und Unternehmenswelt nehmen Blogs zunehmend Raum ein. Auch in das Schul- und Hochschulleben sind sie bereits vereinzelt vorgestoßen und werden als eine Variante des eLearnings eingesetzt und erprobt. Appelt, der sich in zahlreichen Seminaren und auf seinem Blog always beta mit dem Einsatz von Social Media im Bildungsbereich befasst hat, sagt von sich, dass er alles mit Blogs versucht habe, was ihm eingefallen sei.

„Letztlich ist das Grundszenario jedoch überall dasselbe“, fasst Appelt seine Ansätze zusammen. Vereinfacht gesagt, stellt eine Person darin bestimmte Inhalte bereit, und die anderen können diese Inhalte anschauen und kommentieren. Auch mehrere Personen können das Blog gemeinsam gestalten, befüllen und als Austauschkanal nutzen. Nach Appelts Erfahrung lässt sich ein Blog somit einerseits als persönliches Lerntagebuch einrichten und andererseits als unterrichtsbegleitender Klassenblog einsetzen.

Durch die Interaktion mit den Leserinnen und Lesern trage das Blog als persönliches Lerntagebuch zur persönlichen Entwicklung bei, erläutert er die erste der beiden Möglichkeiten. „Weil Lernen für mich ganz viel mit Austausch zu tun hat.“ Darüber hinaus sei es in einem Blog viel leichter, verschiedene Elemente miteinander zu verbinden und Schlagwörter zu verlinken als in einem Papierdokument. „Durch diese Verknüpfungen kann ein stärkeres Interesse am Thema entstehen und vielleicht auch die Fähigkeit, sich die einzelnen Dinge zu merken, unterstützt werden.“

Ein unterrichtsbegleitendes Klassenblog zur Dokumentation von Kursen und Seminaren ist die andere von ihm erprobte Möglichkeit, Blogs in der Bildungsarbeit einzusetzen. Darin stellt die Lehrkraft beispielsweise Aufgaben und weiterführende Informationen auf das Blog. Auf diese Weise können die Schülerinnen und Schüler jederzeit alles nachlesen, einander kommentieren und auf die Arbeitsblätter zugreifen. Auch für die Lehrkraft birgt der Einsatz von Blogs das Potential des Feedbacks und der Reflexion. Appelt rät, die zwei Seiten dieser Methode individuell und situationsbezogen abzuwägen und zu regeln. „Ich muss mir als Lehrer immer überlegen: will ich es gerne einfach haben oder will ich bestimmte Möglichkeiten haben?“

Vom Ziel zum Weg

Die Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer müssen inzwischen eine andere Entscheidung treffen. Ebenso schnell wie sie einen Namen festgelegt haben, gilt es nun, ein vorgefertigtes Layout zu wählen, das sogenannte Theme. 293 kostenlose und kostenpflichtige Themes reihen sich in Dreierreihen vor den Blogger-Lehrlingen auf. Sie heißen tdeditor, Healthy Living und Academica. Klickt man die Theme-Details an, erfährt man, für welche Inhalte sich das Theme am besten eignet. Es gibt Themes für Style-Magazine, für Start-Up-Unternehmen und Hotelwebsites, für Food-Blogger, Fashion-Blogger und Fotografen. Welche sollen die vier Teilnehmenden wählen?

Sven Ballo, Fachbereichsleiter für Webdesign und Crossmedia am SAE Institute, erläutert in einem Interview, wie angehende Blogger sich optimal auf diesen Schritt vorbereiten: „Zunächst muss die Themenidee stehen. Ich muss sinnvollerweise wissen, wovon das Blog handeln soll, sonst kann ich die nächsten Schritte nicht machen.“ In diesem Zuge sei es außerdem wichtig, seine Zielgruppe festzulegen. Nur wer sein Thema und seine Zielgruppe kenne, könne sich Gedanken zum Layout machen.

Der Workshop nähert sich dem Ende. Die Teilnehmenden verwenden einen von Henning vorgefertigten Text mit Bild. Anstelle einer Betreffzeile gibt es die Überschrift, der Rest ähnelt einem Schreibdokument wie Word oder OpenOffice. Nur in der Alternativansicht erscheint der Text eingebunden in die vor wenigen Jahren noch unumgänglichen HTML-Befehle. Vier neue Blogger klicken auf den „Veröffentlichen“-Button und senden ihre Beiträge in die weite Welt des Web. Das Ziel des Workshops ist erreicht, doch das Blogging hat gerade erst begonnen.

Ralf Appelt formuliert diesen Moment so: „Für mich ist ein Blog wie ein Koffer, den man erst im Laufe der Reise packt.“ Erst über einen längeren Zeitraum dokumentiere der Koffer den Weg der Entwicklungsreise und fülle sich mit den verschiedenen Informationen, Gesprächen und Reflexionen.
Ob diese Koffer aus der Mode kommen werden? Sven Ballo glaubt an die Zukunft des Blogs: „Ich würde sagen, solange Menschen Informationen konsumieren – und das liegt gewissermaßen in unserer Natur – wird es auch Blogs geben.“

(Lisa Zölitz)

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