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Schüler der STS Winterhude beim Interview

Mediennetz unterwegs: mit dem Geschichtomat auf den Spuren des jüdischen Hamburgs

Schüler/innen der Stadtteilschule Winterhude berichteten über Orte, Personen und Ereignisse des jüdischen Lebens in Hamburg

Schüler der Stadtteilschule Winterhude bauen in der Abdankungshalle des jüdischen Teils des Ohlsdorfer Friedhofs ein Stativ mit Kamera auf. In dem Trauerhaus schallt es sehr und die Schüler prüfen noch einmal die Tontechnik. Michael Studemund-Halévy steht schon bereit für das gleich folgende Interview. Die Jungen haben sich die typische Kippa auf den Kopf gesetzt, die auf jüdischen Friedhöfen von Männern aus Respekt getragen wird. Dann beginnen die Schüler das Interview mit der Frage: „Was gibt es auf dem jüdischen Friedhof zu sehen?“ Ein Schüler bedient die Kamera, ein anderer führt das Interview, ein weiterer ist für das Mikrofon zuständig.

An der STS Winterhude nehmen die 8. bis 10. Klassen gerade das Thema "Jüdisches Leben in Hamburg" durch. Luca (16) und Simon (15) haben sich dazu entschlossen, bei dem Projekt "Geschichtomat – Entdecke das jüdische Hamburg" mitzumachen, zusammen mit 23 anderen Schülern von der STS Winterhude. Luca erzählt: "So viel wussten wir vor dem Geschichtomat nicht über Juden, nur das, was wir in der Schule über die NS-Zeit gehört haben. Wie es heute mit den Juden ist, haben wir erst jetzt erfahren."

Die Jugendlichen erstellen einen digitalen Stadtplan

Die Historikerin Stephanie Kowitz-Harms leitet das Projekt an und betreut neben Kristina Thoms und Jakob Kopczynski vom jaf - Verein für medienpädagogische Praxis Hamburg e.V. die Projektwoche. "Da es zum Thema Judentum wenig Jugendgerechtes gab, hatte die Kulturwissenschaftlerin Ivana Scharf in Auftrag des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg die Idee, den Geschichtomat zu entwickeln – einen digitalen Stadtplan", erläutert Stephanie Kowitz-Harms. Auf der Seite www.geschichtomat.de sind Orte in Hamburg verzeichnet, wo jüdische Kultur und Geschichte stattfindet oder stattgefunden hat. Beim Anklicken der einzelnen Orte erscheinen genauere Informationen, die die Schüler in der Projektwoche ausgearbeitet und in Form von Texten, Fotos, Interviews und Videos dargestellt haben. "Die Gesamtheit jüdischer Kultur und Geschichte sollte im Vordergrund stehen, nicht nur reduziert auf die Opfergeschichte", sagt Stephanie Kowitz-Harms. "Auf dem digitalen Stadtplan sollen Interessierte Orte finden, die sich mit dem jüdischen Leben und der Kultur in Hamburg aus Schülerperspektive auseinandersetzen."

Auf dem jüdischen Teil des Ohlsdorfer Friedhofs filmen die Jugendlichen die Gräber und ihre Besonderheiten. Außerdem erklären sie die Regeln und Bräuche auf einem jüdischen Friedhof, beispielweise, dass es keine Blumen und Obstbäume gibt, da ein Friedhof kein Ort des Lebens ist. Stattdessen werden oft Steine auf die Gräber gelegt oder Kerzen zum Gedenken an die Verstorbenen angezündet. Die Schüler finden heraus, dass alle Gräber nach Osten zeigen, in Richtung der heiligen Stadt Jerusalem. Außerdem erklären die Jugendlichen, wodurch sich die Gräber unterscheiden, zum Beispiel durch stehende oder liegende Grabsteine und die Bedeutung der Inschriften.

Fazination an Technik und Geschichte

Zu Beginn jeder Geschichtomat-Woche führt Stephanie Kowitz-Harms mit den Schülern einen Auftaktworkshop durch, dann besuchen die Schüler beispielsweise den Jüdischen Friedhof in Altona oder die jüdische Abteilung im Hamburg-Museum. "Wenn Schüler sich auf so ein Thema einlassen, entwickeln sie oft auch weiteres Interesse daran. Der Geschichtomat kann ein Impuls sein, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen", sagt Stephanie Kowitz-Harms. "Meist recherchiere ich vorab, da das Projekt sehr eng getaktet ist. Ich gewinne Gesprächspartner, mache Archivquellen ausfindig usw. Meist gibt es einen Themenkatalog, wo sich die Schüler etwas aussuchen. Zum Teil bringen sie aber auch selbst Themen ein."

Am nächsten Tag verarbeiten die Schüler ihr aufgenommenes Film- und Audiomaterial in den Räumen des jaf – Verein für medienpädagogische Praxis. Eine Schülergruppe möchte einen sogenannten „Friedhofsguide“ entwickeln und hat dafür einen Film gedreht. Eine andere Gruppe verarbeitet das Interview und stellt es ebenso in Form eines Filmes dar, indem sie einzelne Bilder und Tonspuren zusammenfügen. Simon aus der Filmgruppe erzählt: "Vor dem Interview haben wir uns Fragen überlegt, was uns an dem jüdischen Friedhof interessiert und auch was in unseren Film reinpassen würde. Anschließend haben wir das Drehbuch geschrieben. Außerdem haben wir gelernt, mit der Technik umzugehen."

Weitere "Geschichtomat-Wochen" sind geplant

Der Geschichtomat wurde 2013 bereits dreimal durchgeführt, weitere Projektwochen sind geplant. "Die Seite bietet auch für Lehrer und Schüler einen guten Überblick, wenn sie in das Thema einsteigen wollen, wie über die Stolpersteine“, erzählt Stephanie Kowitz-Harms. Es sind bereits einige Orte auf dem digitalen Stadtplan verortet, beispielweise das ehemalige Heine Denkmal im Stadtpark, die Israelitische Töchterschule oder die Synagoge in der Gluckstraße mit einem Gespräch des Landesrabbiners Shlomo Bistritzky.

Am letzten Projekttag sollen die Ergebnisse online gehen. Die Schüler greifen selbst auf das Content Management System zu und laden ihre Inhalte hoch: Texte, Videos, Bilder und Tonspuren. Über einen YouTube-Kanal werden die Videos auf geschichtomat.de eingebunden. Ein paar Tage später präsentieren die Schüler die Ergebnisse aus dem Geschichtomat-Projekt in der Schule vor Lehrern, Mitschülern und Eltern.

Hier geht es zur Geschichtomat-Website: www.geschichtomat.de

(Doreen Kirschner)

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