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Drei Helfer auf dem Baugerüst stehend, klopfen den Deckenputz ab © Mediennetz Hamburg

„Träume sind da, um erfüllt zu werden“

Aus alt mach neu – viele ehrenamtliche Helfer lassen die RIALTO Lichtspiele in Wilhelmsburg wieder zu einem Kino werden

Verriegelte Türen, verblendete Fenster, Baugerüst. Die Türen der ehemaligen RIALTO Lichtspiele sind bereits seit 28 Jahren verschlossen – doch das Baugerüst... Das ist neu. Was passiert hier? Durch den Hintereingang geht es in das Filmtheater. Schmutzige, mit Moos bedeckte Hauswände, ein Baum, der mehr tot als lebendig scheint. Müllsäcke und Bauschutt auf dem Boden: So sieht es im kleinen Hinterhof des alten Gebäudes aus. Durch die kahlen Äste des Baumes sind zwei Treppenaufgänge zu sehen. Rechts: alt, rostig, kaputt. Links: neu, glänzend, stabil.

In diesem Jahr wird das brachliegende Traditionskino 100 Jahre alt. Wegen der zahlreichen Videotheken und Multiplexe, die in den 80er Jahren eröffneten, musste das Wilhelmsburger Kulturkino schließen. Der Unternehmer Stephan Reifenrath kaufte im Jahr 2012 das Objekt und möchte es nun wiedereröffnen. „Ich möchte Wilhelmsburg die Kinokultur zurückgeben“, sagt Stephan Reifenrath über seine Motivation und die seiner Helfer.

Klopfgeräusche in drei unterschiedlichen Rhythmen klingen durch den großen Saal. Die Luft ist staubig und trocken, ein Holzspänengeruch beißt sich durch die Nase. Der Richtung des Geräuschs folgend, fällt der Blick auf drei Männer, die knapp unter der Decke auf einem Rollgerüst stehen. Alle drei tragen Anzüge mit dem Aufdruck RIALTO und klopfen den Putz der Saaldecke ab. Über ihnen ist ein großes schwarzes Loch zu sehen. Gleichzeitig sind andere Freiwillige dabei, das Leck im Dach zu schließen, damit keine weitere Feuchtigkeit in den Raum eindringt. Feuchtigkeit, die in der Betriebspause die Bausubstanz sichtlich angegriffen hat.

70 Leute helfen unentgeltlich bei den Bauarbeiten - noch sieht alles heruntergekommen aus

Am 3. Mai 2013 soll das Lichtspielhaus wiedereröffnet werden. Die erste von mehr als 300 Veranstaltungen wird an diesem Tag stattfinden. 180 Tage lang werden zahlreiche Lesungen, Konzerte, Theateraufführungen und Filmvorstellungen im RIALTO zu Hause sein.

Der Boden ist vor kurzem von Reifenraths Team neu gelegt worden. Ein Überbleibsel des alten Dielenbodens ist mit schwarzen Brandlöchern versehen. Dieser Teil des Holzbodens wirkt lebendig – es ist noch zu erahnen, wie hier vor mehr als 28 Jahren Kinovorstellungen besucht wurden. Im Vorraum sind ein ehemaliges Kassenhäuschen und Verkaufsstübchen noch erhalten. Tapeten, Fliesen und Lampen passen nicht zusammen. Sie stammen aus unterschiedlichen Epochen der letzten hundert Jahre – ein Stilmix, wie die Elbinsel Wilhelmsburg es ist.

Seit Monaten gehen hier Helfer und Presse ein und aus. Um aus der Ruine wieder ein betriebsfähiges Kino zu machen, werden jede Menge Geld und Arbeitskräfte benötigt. Deshalb sind alle Helfer des Projekts, ob Profi oder Laie, ehrenamtlich tätig. So sind rund 70 Unterstützer am Bau beteiligt und weitere sechs widmen sich der Verwaltung und Organisation. Die Materialkosten werden nur aus Spendengeldern finanziert.

Lesungen, Theateraufführungen, Konzerte und Kinovorstellungen finden ab dem 3. Mai im RIALTO statt

„Als ich den Saal das erste Mal betrat, überwältigte mich ein Schatzsuchergefühl. Dieser geheimnisvolle Ort glich einem Dornröschenschloss mit vielen interessanten Details“, erzählt Stephan Reifenrath mit einem Lächeln im Gesicht. Seine Augen leuchten wie die eines kleinen Jungen, der von einer Schatzsuche erzählt: „Allein die Freude daran, alte vergessene Räume wieder zum Leben zu erwecken, bewegt mich dazu, dieses Projekt mit aller Mühe umzusetzen.“ Der südliche Stadtteil Wilhelmsburg ist seit Jahren Hamburgs multikulturelles Zentrum. Die 55 000 Einwohner, "die auch in den letzten 30 Jahren ein Kino gebraucht hätten“, so Reifenrath, bekommen diesen Sommer ein vielfältiges und erschwingliches Programm geboten. So finden neben kostenlosem Schulprogramm am Vormittag auch repräsentative Filmvorstellungen der acht Ethnien Wilhelmsburgs an deren jeweiligen Nationalfeiertagen statt.

Als die Helfer frische Luft schnappen und eine kurze Trinkpause einlegen, nostalgieren sie: „Meine Oma wohnte schräg gegenüber, deshalb habe ich mir hier schon als kleiner Junge die Kindervorstellungen und im Jugendalter die ersten Bruce-Lee-Filme angeschaut“, sagt einer der ehrenamtlichen Helfer, Feuerwehrmann im Schichtdienst. Das Kulturkino strahlt eine gemütliche und dennoch aufregende Atmosphäre aus, was nicht zuletzt auf die noch erhaltenen, altmodischen Elemente zurückzuführen ist. „Wir mögen keine großen Kinos. Ein kleines Kino, wie das Rialto, gleicht einem großen Wohnzimmer“, schwärmt der Feuerwehrmann.

Der neue Besitzer hofft, dass auch nach der letzten Veranstaltung am 31. Oktober 2013 das Kino erhalten bleibt. Vielleicht ist ja ein Privatinvestor interessiert, denn um die Rialto Lichtspiele wieder vollkommen in Betrieb nehmen zu können, werden mindestens 500 000 Euro gebraucht.

Reifenrath erfüllt sich und auch vielen anderen Menschen mit diesem Projekt einen Traum: „Denn Träume sind da, um erfüllt zu werden“, meint Stephan Reifenrath. Man muss sich der Herausforderung nur stellen.

(LARISSA MÜSSE)